Hermann Wenzel, Wahlscheid

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Prolog Caminho Português 2012

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Freitag, den 17. Februar 2012

Das ich wieder pilgere war klar, doch wann und wo war dieses Jahr eine schwere Entscheidung. Es musste ein Platz gefunden werden, an dem meine Mutter sich wohlfühlt und sie gut aufgehoben ist, während ich weg bin. Das bestimmte meinen Zeitplan. Die Ziele reichten vom Jesus Trail in Israel über den Weg von Osnabrück über Münster und Köln nach Hause. Auch die mir noch fehlenden Etappen durch Frankreich standen hoch im Kurs, vor allem weil mein Pilgerfreund Manni ein paar Etappen ab Schengen mitlaufen wollte. Gewonnen hat wieder der Weg ab Porto. Doch diesmal möchte ich die Küstenvariante versuchen. Es gibt wenig Material über diesen Weg. Von meiner Pilgerfreundin aus dem Internet Birgit habe ich eine Karte und eine spanische Wegbeschreibung bekommen. Ich treffe sie in Porto, wo ich dieses Mal einen Tag verweilen möchte. Mein Pilgerfreund Sebastian von meinem ersten Caminho Português im Heiligen Jahr 2010 hat mir neulich in einem Telefonat sehr schön deutlich gemacht, dass der Weg nicht markiert ist. „Solange dass Meer links ist und du nicht im Wasser stehst ist alles in Ordnung“, war sein Kommentar zu meiner Unsicherheit. Ich werde zu Ostern in Santiago sein. Es könnte voll werden und so habe ich vorsichtshalber für die letzte Nacht schon mal ein Bett in Santiago gebucht. Vielleicht ist Zeit für den Weg nach Fisterra, vielleicht zu Fuß, vielleicht per Bus. Ich werde mich nicht hetzen, sondern es einfach geschehen lassen.

Ich hatte es mir auf meinen letzten Pilgerfahrten vorgenommen etwas an meiner Spachunterbelichtung zu tun. Und so höre ich mir fast jeden Tag eine CD „Portugiesisch für den Urlaub“ an. Ob ich wissen muss, wie ich einen Diafilm kaufe, bezweifele ich. Die frisch von der Langenscheidseite heruntergeladene CD scheint etwas betagt zu sein. Es fällt mir schwer, mir die Phrasen zu merken. Doch ich gebe nicht auf. Die paar Euro für den Kauf des Downloads haben sich gelohnt.

Dienstag, den 20. März

Am Freitag geht es los, heute habe ich schon mal die Pilgerschuhe geputzt. Ansonsten hebe ich mir Vorbereitungen bis Donnerstag auf. Meine Pilgerfreundin Michelle aus Florida hatte in ihrer Mail nur den trockenen Kommentar: „Wir nehmen ja sowieso jedes Jahr das gleiche mit. Also wirst Du es schaffen Deinen Rucksack zu packen.“ Und meine Sangesschwester Doris sagte: „Solange Du Deinen Ausweis und Deine Kreditkarte hast, kann nichts schiefgehen“. Meine Freundinnen kennen mich gut! Mit Michelle habe ich mich heute übrigens darüber ausgetauscht, was wir und erlaufen wollen, wenn wir es gemeinsam bis Rom geschafft haben. Bei ihr sind es die 2.600 Meilen des Appalachian Trails von Georgia nach Maine. Bei mir ist es der Camino ab Haustür und zurück. Das sind 2.400 Kilometer in eine Richtung. Sowohl ihres als aus mein Vorhaben bedeutet einen Weg von einen halben Jahr. Ihrer teilweise durch Wildnis und Berge, meiner durch Gebiete, wo man eine Kreditkarte akzeptiert.

Doch zurück zum Jetzt. Irgendwann ist mein Pilgerpass eingetroffen, ich habe viele Karten von Birgit per Mail zugeschickt bekommen, die mir mein Freund Erhard in Farbe ausgedruckt hat, denn ich habe nur einen Laserdrucker. Gut verteilt über meine Wohnung sind die Dinge, die ich am Donnerstag in Ruhe zusammensammeln werde. Ich genieße es die Dinge alle in Ruhe geschehen lassen zu können. Diesmal wird mein neuer Rucksack zum Einsatz kommen, den mir meine Freunde zum 60ten Geburtstag geschenkt haben. Auch ein neues Hemd, ansonsten hat Michelle recht: alles so wie immer.

Ich habe in den letzten Tage darüber nachgedacht ob ich einen Fotoapparat mitnehme. Gestern ist der Entschluss gefallen: ja die 450 Gramm für meine G9 trage ich gerne mit mir, denn die Erinnerungsfotos tun mir in den langen dunklen Wintertagen gut. Tagebuch werde ich auf wieder führen, denn auch das tut mir gut, in den alten, abgetippten Tagebucheinträgen zu stöbern. In einer meiner Facebook Gruppen „Caminogeschichten“ tausche ich seit einiger Zeit meine Tagebücher aus.

Am letzten Sonntag hat mich eine Mail vom Heimatverein aus Kleinmachnow erreicht. Man hat mich irgendwie gefunden, weil ich in meinem ersten Pilgertagebuch Kleinmachnow als Geburtsort angegeben habe. Auf meinen letzten Pilgerfahrten auf dem Caminho Português habe ich immer Berlin als die Heimat meiner Kindheit angegeben und vor allem in Ponte de Lima über Frieden und Willy Brand nachgedacht. Nun gehe ich den Weg zu dritten Mal, komme ich jetzt auf den Spuren meiner ersten fünft Lebensjahre? Komme ich jetzt in Kleinmachnow an? Ich war eine Hausgeburt im Blachfeld 23. Die ersten Jahre des Lebens sind prägend, doch ich habe so gut wie keine Erinnerung daran. Zwei Erinnerungen sind mir in den letzten beiden Tagen gekommen. Ich habe sie schriftlich festgehalten:

Irgendwann, ich erinnere mich selber nicht, aber die Erzählungen berichten darüber, bin ich in den Bäumen in unserem Garten in Kleinmachnow herumgeklettert. Ich muss damals entweder meine Brille überhaupt nicht geliebt haben, oder ein sehr pflichtbewusstes Kind gewesen sein. Auf jeden Fall habe ich sie zu Klettern abgesetzt und sicher auf einem Ast aufgehängt. Dieser Ast nebst Brille fand sich Monate später wieder. Wie gesagt: ich habe keine Erinnerung, doch die Geschichte wurde oft anderen Freunden meiner Eltern noch jahrelang erzählt. Warum ist das heute so wichtig für mich? Es ist das Gefühl, was eine Brille mit mir macht. Ich habe eine Zeit als externer Berater für einen Brillenhersteller gearbeitet. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass eine Brille ein modisches Element ist. Der Marketing Chef hatte dreizehn Brillen, immer passend zum Anzug. Seit dieser Zeit beobachte ich Brillenträger mit Bewusstsein und frage mich oft, wer die denn beraten hat. Erst einmal war mir mein Gegenüber vertraut genug, dass ich nachgefragt habe. Meine Lesebrille sieht niemand, meine mit viel Aufwand und hohen Kosten erstandene Sonnenbrille für meinen Camino Francés habe ich in der ersten Herberge verloren. Den im Flugzeug nach Garn Canaria zu meinen Pilgerfreundinnen Feliciltas und Jutta erstandenen Ersatz zeige ich ungern auf meiner Nase.

Fazit: ich habe da noch was mit meinen ersten fünf Lebensjahren auszumachen

Als ich vier Jahre alt war, schenkte mir mein Onkel Theo eine Pistole, mit der man Pfeile mit Gummisauger auf eine Scheibe schießen konnte. Ich erinnere mich an das Gefühl, als mein Vater mir dieses Gerät sofort wegnahm und in die Mülltonne warf. Ich habe es nicht verstanden, doch heute ist dieses Gefühl immer sofort da, wenn ich eine Waffe sehe. Ich bin dankbar, dass meine Eltern mich als Pazifisten erzogen haben und ich wäre froh, wenn es auf der ganzen Welt keine Waffen und keine Kriege gäbe. Ich habe es geschafft, die Botschaft meiner Eltern an meine Kinder weitergegeben, alle meine Söhne haben Zivildienst geleistet. Einer meiner Söhne ist Jäger. Mir ist diese Leidenschaft unheimlich. Doch ich bin sicher, er geht verantwortungsvoll mit der Waffe um und es wird kein Mensch zu Schaden kommen. Die Mutter meiner Freundin Heidi hat neulich zu ihrem Enkel gesagt: „Bei uns in der Familie nimmt niemand eine Waffe in die Hand“. Das hat Heidi und ihren Sohn mächtig getroffen, denn ihr Mann und ihr Sohn sind beim Verfassungsschutz und tragen im Dienst Waffen. Solange es Waffen auf dieser Welt gibt, ist es gut, dass es Menschen gibt, die die Bevölkerung schützen. Dazu gehört leider auch das Tragen einer Waffe. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob ich töten könnte um nicht getötet zu werden. Bisher war meine Antwort immer nein. Doch glücklicherweise war ich nie in einer solchen kritischen Situation. Dabei kenne ich die Angst. In der Kindheit war die Angst in den Keller zu gehen sehr stark. Es kostete mich immer große Überwindung mein Fahrrad aus dem Keller zu holen. Ich hatte geglaubt diese Angst überwunden zu haben. Doch auf meinem zweiten Caminho Português in der Herberge in Teo war sie wieder da. Ich war alleine in der Herberge in dieser Nacht. Spät am Abend rüttelte es an der Tür. Die Anweisungen der Hospitaleros sind ganz klar: „niemanden einlassen“. So habe ich mich verhalten und gleichzeitig versucht jemanden per Telefon zur Hilfe zu holen. Mein Spanisch war zu schlecht und das Englisch derjenigen, die ich anrief ging gegen Null. Nach einiger Zeit hörte das Rütteln an den Türen auf. Am nächsten Tag war ich in Santiago und am Folgetag zu Hause. Es dauerte fast vierzehn Tage, bis ich das Erlebnis verarbeitet hatte und nicht mehr vor Angst im Bett zusammenzuckte.

Fazit: die mich beschützende Angst und die mich hemmende Angst will ich lernen voneinander zu unterscheiden.

Werden weitere Erinnerungen folgen und werden sie sich schriftlich festhalten können? Egal!

Der neue Weg ab Freitag wird mir neue Erfahrungen und Gedanken schenken. Er wird mir helfen, meine Wurzeln zu verstehen, er wird hoffentlich oft nur im Jetzt sein. Ich freue mich auf meinen Weg.

Mittwoch, den 21. März

Ich hatte darüber nachgedacht, ob ich wieder Tagebuch führen werde. Meine Freundin Monika schenkte mir heute ein wunderschönes Minitagebuch. „Nur für die wichtigsten Gedanken", waren ihre Worte, als sie mir das Geschenk überreichte. Ich glaube sie hat Recht und ich werde mich auf dieses kleine, schöne Büchlein auf meinem Weg beschränken. So habe ich mehr Zeit für das Jetzt.

Donnerstag, den 22. März

Beim Rucksackpacken erreichte mich dieses Gedicht als Abschiedsgruß von meiner Freundin Michèle - DANKE:

Für Hermann auf den Weg

Soweit die Füße tragen
Bis zum Grunde aller Fragen
Bis tief in den Augenblick
Dort wohnt das Glück. 

Auf dem Wege eingesponnen
In die Ohnezeit der Schritte
Gott hat in dir Platz genommen -
Ein zarter Schmetterling in deiner Mitte. 

Soweit die Seele schaut…
Alles vertraut. 

MmL 2012